Erinnerungen an eine Dunkle Zeit

Fang‘ einfach an zu schreiben, sagte ich mir selber in einem Traum letzte Nacht. Und so fange ich hier mal einfach an.

Es ist schon eine Weile her, dass ich etwas für diesen Blog geschrieben habe. Natürlich habe ich Ausreden oder Entschuldigungen warum ich so wenig schreibe. Aber ich will sie jetzt nicht hervorkramen.

Es erscheint mir, in meinem Alter haben die Stunden nicht mehr sechzig Minuten. Die Zeit fliegt und selbst zum Atmen verbleibt einem wenig Zeit.

Im Januar gab es viele Momente des Erinnerns, ins Besondere, wenn ich an die Zeit von 1945 zurückdenke.

Das Jahr 1944 hatte ich in Oberschlesien (erinnert sich noch jemand an diese Landschaft die Friedrich der Große der Maria Theresia abgenommen hatte?) verbracht. Dann, kurz nach Weihnachten, mussten wir, Kinder des Knabenheim Bethesda in Friedland, ganz plötzlich, aber doch nicht unerwartet, verlassen.

Wir waren, wie so viele andere, auf der Flucht. Im Bahnhof Neiße stand schon, mit der Lokomotive ungeduldig fauchend, ein Lazarettzug bereit. „Schnell, schnell“, hieß es und kaum jemand bemerkte das Grollen der Artillerie in der Ferne.

Friedland hatte mir tatsächlich ein Jahr lang Frieden geben nun war der Krieg zu mir gekommen: hatte mich eingeholt! Fast vier Wochen war dieser Lazarettzug meine Behausung. Wie ein Kranker lag ich immer auf einem Bett. Auf der anderen Seite des Waggons lagen Babys die von den fleißigen Schwestern versorgt wurden. Was waren  das für Babys? Damals hatte ich keine Ahnung vom Lebensborn und der Zucht von reinrassigen Germanen. Hier lag also die Zukunft der Nazis. Auch sie sollten in Sicherheit gebracht werden. Wir anderen Kinder durften nicht herumlaufen, weil wir dem Pflegepersonal nur in die Quere gekommen wären.

Am Ende der Reise in die Ungewissheit waren wir nur bis Görlitz gekommen. Wir alle hofften, dass die Russen das Rote Kreuz auf dem Dach des Zuges respektieren würden. Unser Zug stand oft auf einem Abstellgleis, fuhr manchmal rückwärts, ließ andere Züge passieren welche wahrscheinlichen Nachschub an die immer näher rückende Front brachten. Aber die Rote Armee brauchte eine Verschnaufpause und die Oder wurde zur neuen Grenze zwischen den Fronten.

Im Zug waren die Lautsprecher auf den Deutschlandsender eingestallt. Stündlich hörten wir den Wehrmachtsbericht. Lodz war gefallen, Breslau zur Festung erklärt. Wo sollte das alles enden? Wir wollten doch nur schnell nach Berlin.

Ob meine Mutter wusste wo ich war? Später stellte sich heraus, dass sie keine Ahnung hatte. In Görlitz angekommen hieß es wieder „schnell, schnell“ und wir wurden in einen Personenzug verfrachtet. Wir Kinder mussten uns den Zug mit müden Frontsoldaten teilen. Sie schliefen meist und sagten sehr wenig. Draußen schneite es heftig. Ein Blizzard vom Osten kommend verdeckte die Landschaft mit einem weißen Tuch. Im Lazarettzug konnten wir nicht durch die Milchglasscheiben hinausschauen und wir wussten nie wo wir waren.  Nun aber drückte ich meine Nase an die Scheibe. Ich wollte auf keinem Fall die ersten Zeichen meines geliebten Berlins verpassen. Ich wusste ganz genau, wenn wir Königswusterhausen erreichen, dann war es nicht mehr weit bis Berlin. Vielleicht war es möglich die S-Bahn zu sehen?

In knapp vier Stunden kamen wir endlich in Berlin, auf dem Görlitzer Bahnhof, an. Im Gegensatz zu dem Jahr davor war jetzt das Dach von den Kriegseinwirkungen fortgefegt worden. Ich weiß, ich weiß; der Bahnhof selbst ist fortgefegt und der „Görli“ ist nicht mehr für Reiselustige da, sondern für andere, die auf einen besonderen „Trip“ gehen wollen.

Berlin, wie haste dir verändert.

Es war der 30. Januar als wir endlich wieder Berliner Boden betreten konnten. Es war schon dunkel und es war Voralarm, weil ein einsames, englisches, Flugzeug zur Feier des Tages sich selbst eingeladen hatte. Die Deutschen feierten (nicht wirklich) den zwölften Jahrestag der Machübernahme. Das tausendjährige Reich hatte nur zwölf Jahre gedauert. So schnell kann die Zeit vergehen. Diese schnelle Fahrt in die Zukunft hatte die halbe Welt zerstört. Das Feiern fand in einer verdunkelten Stadt statt. Nichts bewegte sich. Erst nach der Entwarnung machten sich die Menschen auf den Heimweg.

Wir Kinder wurden in einen Paketwagen der Post (Elektrokarren der Marke Bergmann) verladen und zum Waisenhaus in der Alten Jakobstraße gesandt. Hier schien die Welt noch heil zu sein. Wir fanden geheizte Räume vor, jeder Raum hatte eine eigene Toilette und nachts leuchte ein blaues Licht. Die Betten waren mit Bezügen und Laken versehen welche mit Kleeblättern bedruckten waren. Nach der vierwöchigen Bahnfahrt war das der reinste Luxus. Aber es ergab sich als ein goldener Käfig. Wir wurden eingeschlossen damit wir nicht einfach nach Hause gehen konnten. Ich hatte durchaus diese Möglichkeit überlegt.

Nach zwei Nächten dort bestelle man für uns einen Sonderwagen der Straßenbahn. Von der Ritterstraße ging es queer durch Berlin nach Wilmersdorf. Dort erwartet uns ein anderes Waisenhaus, das Blisse Stift. Das Gebäude steht heute noch, wenngleich es anders benutzt wird. Nicht so das Waisenhaus in der Alten Jakobstraße. Es wurde, morgen vor vierundsiebzig Jahren, bei dem furchtbaren Luftangriff zerstört. 254 Kinder verloren dabei ihr Leben. Ich hatte wieder einmal Glück gehabt.

Und so lassen mich meine Erinnerungen nicht los. Mein Schwiegersohn versucht mir immer wieder beizubringen, dass der Krieg vorbei sei. Ich kann mir nicht helfen diese Erinnerungen spülen sich immer wieder aus meinem Gedächtnis hervor.  Viele meiner Erinnerung sind auf diesem Blog nachzulesen. Wo sind die Erwachsenden die damals als Kinder in dem Zug waren? Lebt heute noch irgend-jemand, der das Berliner Waisenhaus kannte? Bin ich der Einzige und werden meine Erinnerung mit mir sterben?

Überhaupt mache ich mir Gedanken wo meine Kenntnisse bleiben, wenn ich nicht mehr bin. Habe ich alles umsonst gelernt? Meine Kinder kennen viele meiner Geschichten, aber die Enkelkinder fragen erst gar nicht. Diese Ereignisse, die mehr als siebzig Jahre zurück liegen, erscheinen den jungen Menschen wie die Urzeit.

Wie ich jung war da waren Ereignisse, welche siebzig und mehr Jahre zurücklagen, im 19, Jahrhundert. Das muss man sich erst einmal vorstellen. Heutzutage schaue ich mir Fotos aus dem alten Berlin an and staune, dass auch damals die Straßen von  Menschen belebt war.  Diese Menschen sind alle fort und die Menschen meines Alters können sich auch kaum noch erinnern.

Wer kann schon davon erzählen, dass er die Baustelle des damaligen Tempelhofer Flugplatzes besucht hat? An einem schönen Wochenende fuhren wir in einer Arbeiter Lore auf das Gelände. Ich kann das nicht geträumt haben, denn ich habe diese Fahrzeuge erst wieder zwanzig Jahre später in den Rheinischen Kohlenminen erlebt.

Wozu hat man all diese Erinnerungen. Sind sie Ballast oder Unterhaltung für die alten Tage, wenn das Fernsehen überhaupt nichts Interessantes mehr zeigt.

Apropos Fernsehen, ich sehe jetzt so viel über die Mark Brandenburg im RBB. Ich lerne etwas über diese schöne Kulturlandschaft was ich nie in meiner Kindheit und Jugendzeit erleben konnte. Der Krieg, dieser verdammte Krieg, hat mir die Heimat verwehrt. Als vor fast dreißig Jahren die Mauer fiel, sagte ein Mann in einem Interview nun könne er endlich wieder mit der S-Bahn zur Endstation fahren. Er hatte sein Heimatland zurückerhalten.

Ist das nicht das Ziel das wir alle erreichen werden. Wenn wir unsere Endstation erreicht haben, was haben wir dann in unserem Gepäck?

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Meine Großmutter Hedwig Hannemann

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So habe ich meine Großmutter, Oma Hannemann, in Erinnerung

Heute jährt sich der Todestag meiner Großmutter, väterlicherseits, zum sechzigsten mal.

Sie wurde am 24. Februar 1871 geboren und verstarb plötzlich am 20. November 1958.

Geboren wurde sie in Luckenwalde, einer Kleinstadt südlich von Berlin. Ihre Eltern waren Gustav und Wilhelmina (geb.Kuckuck) Emmermacher. Sie selber hatte drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, mein Vater.  Bis zu ihrem Tod nannte sie ihren Sohn „der Junge“. 

Als sie geboren wurde war das neue, vereinigte deutsche Reich gerade einmal ein Monat alt. Diese beiden Ereignisse könnten ein Grund zur Freude gewesen sein. Ich weiss nichts über ihre Kindheit und nur wenig über ihr Leben. Was ich weiss, beruht nur auf persönlichen Begegnungen mit ihr.

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Das wohl älteste Foto von Oma Hannemann, aus dem Jahre 1905-06, mit ihren drei Kindern .das in meinem Besitz ist.

Sie war eine einfache, herzensgute Frau. Ihr Mann, mein Großvater, war im ersten Weltkrieg an der Westfront gefallen. Als ich, als kleiner Junge, ihrer gewahr wurde, wohnte sie in Karshorst, einem Vorort im Osten Berlins. Jeden zweiten Sonntag fuhr unsere Mutter mit uns drei Kinder sie zu besuchen. Die Oma, so nanten wir sie, war eine ausgezeichnete Köchin.

Dort führte sie ihrem Schwiegersohn, Alexander Roux, den Haushalt, da er von Omas Tochter Henriette geschieden war. Dort begegneten wir auch ihren beiden Enkelkindern Horst und Margot Roux.

Das Ende des 2. Weltkrieges erlebte sie, mit der ersten Tochter Henny und Enkelin Margot in Glowe auf der Insel Rügen wo ihre zweite Tochter, Friedel, lebte. Bei ihrer Rückkehr nach Berlin fanden sie, dass Karlshorst eine russische Enklave georden war in der keine Deutschen mehr wohnen durften. Sie fanden eine Unterkunft in der Siegfriedstraße in Lichtenberg. Da die Teilung Berlins immer mehr Schwierigkeiten bereitete, zogen Henny und Oma bald nach Bad Schwartau in der Nähe von Lübeck.

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Oma und Opa Hannemann mit Tochter Henny (?) wahrscheinlich 1914 or 15

Nach einigen Jahren zogen sie dann nach Horrem, wo Oma dann ihre letzten Jahre bis zu ihrem Tod verbrachte. 1958 lebte ich mit meiner Frau Ute und Tochter Gaby in Düsseldorf und ich konnte sie des öfteren in Horrem besuchen.

Eine Woche vor ihrem Tode sah ich sie noch und sie sagte mir, dass sie noch nicht sterben wolle. Ich hatte nicht den Eindruck das der Sterbetag so nahe war. Leider wurde ich zu spät vpn ihrem Tod benachrichtet. Eine Postkarte trudelte nur einige Studen vor der Beerdigung ein. Man beurlaubte mich von meiner Arbeit, und ich fuhr mit der Eisenbahn nach Köln und weiter nach Horrem. Ich erreiche den Friedhof als die Trauergäste gerade von der Beerdigung kamen. Meine Tante Friedel begleitete mich zum Grab. So konnte ich noch im Stillen von ihr Abschied nehmen.

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Das letzte Foto das ich von der Oma habe.  Ich weiss nicht wann und wo das Foto aufgenommen wurde. Man sieht Oma hier mit ihren beiden Töchtern Henny und Friedel. Es liegen mehr als fünfzig Jahre zwischen dem ersten und diesem Foto mit ihren beiden Töchtern.

Es tut mir heute leid, dass ich nicht mehr von ihr und über sie erfahren habe. Zwanzig ihrer Nachkommen leben heute in Australien. Viele andere leben in England und Deutschland. Ihre Enkelkinder haben sich mit Partnern aus vielen Ländern zusammengefunden. Wir sind heute eine internationale Familie geworden. Viele ihrer Nachkommen haben studiert, was zu zu  Omas Zeit wohl kaum zu erwarten gewesen wäre. Sie hat zwei Weltkriege überstanden, ihr Mann fiel im Ersten Weltkrieg und ich habe nie gehört, dass sie sich über irgendetwas beschwert hatte.

Nur wenige Tage nach ihrem Ableben wurde unsere zweite Tochter, Monika, geboren und wir hatten schon unsere Auswanderung nach Australien eingeleitet. Das Leben ging weiter.

Wie immer!

Naturpark Südgelände

Wenn man in Berlin ist, dann begegnet man überall der Vergangenheit und selbstverständlich auch der sich ständig veränderbaren Gegenwart.

Was vielen Besuchern der Stadt nicht so bekannt ist, dass es auch ein Beispiel für die Zukunft gibt. Nicht die nahe Zukunft oder die hochtrabenden Pläne mancher Spekulanten und ihrer Freunde in der Politik.

Nein, es ist eine ferne Zukunft, wenn der Mensch nicht mehr ist und seine Bauten von der Natur wieder zurück erobert werden. Dort, im Naturpark Südgelände, kann man einen Vorgeschmack bekommen, wie das einmal aussehen wird. Dort, eingerahmt von zwei Eisenbahnkorridoren, liegt der Naturpark südlich von dem neu errichteten Bahnhof Südkreuz. Der Park selber ist in einem alten, ungebrauchten Eisenbahngelände von selbst entstanden.

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Der Eingang zum Südgelände mit dem unter Denkmalschutz stehenden alten Wasserturm

Sowie man den Naturpark betritt, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt.

 

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Reste der alten Eisenbahnanlagen vermischen sich mit der Natur.

 

 

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Wo einmal Züge rollten, oder zusammengestellt wurden, enden die Gleise im Nichts.

 

 

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Graffitikünstler hinterlassen auch hier ihre Spuren

 

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Ein Stapel von Eisenbahnschwellen wird von einem Baum durchwachsen

Oft sieht es aus, als hätten die Eisenbahner das Gelände plötzlich verlassen. Wer weiß, wie lange der Stapel von Schwellen schon dort liegt.

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Eine alte Henschel Lokomotive aus dem Jahre 1940

 

Diese Lokomotive ist ein Prachtexemplar, der deutschen Lokomotiven Herstellung, Nun ist sie nur noch ein Denkmal.

 

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Bäume wachsen mitten zwischen den Gleisen.

Überall im Südgelände kann man beobachten, wie die Natur zurückgewinnt was sie einst an den Menschen abgeben musste. Ziegen leben jetzt wild dort und finden zwischen den Gleisen ihre Nahrung.

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Hiere wartet eine Drehscheibe vergeblich auf eine Lokomotive.

 

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Ein Birkenwäldchen entsteht hier.

 

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Eine Elster sucht nach einem Leckerbissen

Plötzlich wird die Ruhe unterbrochen und wir werden daran erinnert, dass die Zivilisation noch nicht zugrunde gegangen ist. Durch das Gehölz können wir einen ICE erspähen.

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In der Distanze erspähen wir den alten Schöneberger Gasometer.

 

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Die Stadt ist nicht weit. Das Südgelände ist nur eine Nische die uns zum Denken angeregt. Ein Künstler hat auch eine Spur hinterlassen; im Grass finden wir einen ein Meter Streifen Autobahn.

 

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Nichts ist für die Dauer und eines Tages wird man, wenn es dann überhapt noch Menschen gibt, über Berlin so sprechen, wie wir heute über Ninive sprechen. Eine Wanderung in dem Park ist durchaus zu empfehlen. Am nördlichen Ende ist es nicht weit bis zum S-Bahnhof Südkreuz, wo man sich eine Erfrischung erlauben darf. dscn1264

 

Brandenburg, die alte Heimat

 

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Hier beginnt das Wunderland Brandenburg

 

 

Heute Abend haben wir im RBB einen Bericht über ein kleines Dorf in Brandenburg, am Oderbruch, gesehen. (Wunderbares Brandenburg – Sommertage an der Oder.)

Ich muss gleich sagen, dass der RBB für uns eine große Rolle spielt. Er bringt uns die alte Heimat, Brandenburg  oder „die Mark“, näher. Wir gehören einer Generation an, welche durch Hitlers Krieg unser Heimatland verloren haben. Erst waren wir noch zu jung um Brandenburg wahrzunehmen, und nach dem schrecklichen Ende war uns die Mark verwehrt.

Weil uns die Stadt Berlin zu eng wurde, verließen wir sie. Im Geschichtsunterricht hatten wir auch nichts über Brandenburg erfahren. Das wäre zu preußisch gewesen und Preußen stand nicht auf dem Lehrplan. Der alliierte Kontrollrat hatte Preußen abgeschafft; einfach so.

Man hatte uns die Wurzeln genommen, und da  war es kein Wunder, dass wir das Weite suchten. Erst viel später, und da schon im Ausland, erfuhren wir mehr über die alte Heimat. Fontane mit seinen Erzählungen von seinen „Wanderungen durch die  Mark Brandenburg“ führte uns wieder zurück zu einem Land das wir nur dem Namen nach kannten.

 

 

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Screenshot von dem Dokumentar Film „Wunderbares Brandenburg“

 

 

Selbst wenn wir in Berlin geblieben wären, hätten wir nach 1961 nicht mehr mit der S-Bahn in die nährere Umgebung fahren können. Die Endstationen waren für West-Berliner unerreichbar geworden. Sie lagen in einem anderen Land.

Als wir dann später, während der Mauerjahre, über den Luftkorridor nach Berlin flogen, sahen wir Brandenburg nur aus der Perspektive des Roten Adlers. Es war zu wenig um überhaupt nur eine Idee zu bekommen.

Erst die neue Zeit mit dem Internet und dem Glassfaserkabel brachte uns wieder näher an die alte Heimat. Und wir sind dem RBB durchaus dankbar, dass er uns hilft, Brandenburg zu entdecken. Was ich dort sehe, bewegt mich sehr. Es ist meine Geschichte, der ich mich nicht entziehen kann, auch wenn ich 16, 000 km entfernt lebe.

 

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Schloß Rheinsberg in Brandenburg

 

 

 

 

 

Berlin, 23. August 1943

Es war das Zuschlagen der Wohnungstür das den Jungen weckte.

Bum! Und dann war es still. Im Schlafzimmer was es hell, aber in der Wohnung mucksmäuschenstill.

Ende August werden die Nächte schon wieder etwas kühler. So war es nicht verwunderlich, dass er, ein  Achtjähriger,  sich nach dem Erwachen noch einmal in die Decke wickelte. Es waren immer noch Schulferien und es gab keinen triftigen Grund aus dem Bett zu springen.

Zusätzlich freute er sich, dass er in den letzten Tagen hatte durchschlafen können ohne durch die Sirene geweckt zu werden, welche  immer einen Fliegeralarm ankündigte und die Menschen in Berlin um ihren Nachtschlaf brachte.

Doch dann fiel ihm ein, was seine Mutter gesagt hatte. Seine beiden Schwestern  sollten wegen der zunehmenden Fliegerangriffe verschickt werden. Ja, er hatte es in der Wochenschau im Kino gesehen, wie schwer Hamburg zerstört worden war. Daraufhin war die Evakuierung Berlins angeordnet worden.

„Und warum werde ich nicht verschickt?“ wollte er von seiner Mama wissen. „Für dich muss erst noch ein Platz gefunden werden.“

Und dann fiel ihm mit Schrecken ein, dass die Schwestern an diesem Morgen verschickt werden sollten; einfach so wie ein Paket. Das war also was er gehört hatte, die Wohnungstür war zugefallen. Bums! Sie waren fort und  hatten nicht einmal „Auf-wiedersehen“ zu ihm gesagt.

Gerade die Trennung von seiner jüngeren Schwester würde ihm schwer fallen. Die Schwestern waren schon einmal im Sudetenland gewesen und das war für ihn recht langweilig geworden. Wer weiss, wann sie diesmal zurückehren würden?

Das Zuschlagen der Wohnungstür war der Anstoß, den er brauchte, um aus seinem warmen Bett zu springen. Ohne zu überlegen lief er barfuß auf den Hausflur hinaus und über den Hof zum Vorderhaus. Nirgends sah er eine Menschenseele. Die Panik, seine geliebte Schwester nie mehr zu sehen, trieb ihn an.

Dann stand er  vor der Haustür auf der Straße. Wo konnten sie sein? Dann sah er sie. Sie waren schon, wie  es ihm erschien, weit fort. Er stand nur in einem Nachthemd bekleidet auf der Straße. Schaute und schaute, in ihm war etwas zerbrochen. Mit jeder Sekunde, die er zögerte, entfernten sich seine Mutter und die Schwestern weiter. Andere Menschen versperrten ihm den Blick. Eine  überwältigende Enttäuschung übermannte ihn.  Der Krieg war ganz und gar nicht schön. Der Papa war nach Italien geschickt worden denn, dort war der Feind gelandet. Auch das hatte er in der Wochenschau gesehen.

Später, in der Nacht gab es dann einen schweren Luftangriff. Für fast drei Stunden griffen die Britten Berlin an, und der Bezirk Kreuzberg, war ein besonderes Ziel. Als sie dann im Kellergang saßen, wackelten  die Wände ganz fürchterlich.  Die Bomben heulten bis sie irgend wo in der Nähe einschlugen. Das ganze Gebäude bebte.

Noch während die Bomben fielen, erschien dem Jungen der Gedanke, dass er doch recht froh war, das seine Schwestern das nicht erleben mussten. Sie waren in Sicherheit.

 

Anmerkung: Nach Angaben in dem Buch „Bomben auf Berlin“ griffen etwa 625 Flugzeuge der RAF für knapp drei Stunden außer den Innenbezirken auch Spandau und Tegel an. Außer Bomben warfen sie auch Flugblätter und gefälschte Lebensmittelkarten ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin 2016

Ich brach auf, um die Vergangenheit zu besuchen, kam aber in der Zukunft an.

Wie ein Zeitreisender fand ich nach meiner Rückkehr, dass mein Planet sich verändert hatte.

Die, welche lebten als ich die Heimat verließ, haben längst ihre irdischen Hüllen verlassen.

Meine alte Familie kannte niemand mehr. Man hatte mich und meine Lieben vergessen. Wir schienen nie  gelebt zu haben.Geschäfte, welche damals den Menschen  etwas anboten, waren nun nicht mehr vorhanden. Andere Geschäfte boten Dinge an, die damals noch nicht existierten.

Die neue Ansicht meiner alten Wohngegend war mir fremd. Gebäude waren aus dem Boden geschossen wo früher  Bäume standen. Neue Bäume gaben Schatten wo damals Straßenbahnen fuhren.

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Wo die Tankstelle ist, stand früher ein Wohnhaus. Wo die Berufsschule ist, waren früher Schrebergärten.

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Die selbe Straßenseite in 1942

 

 

 

Die Angst vor einem unsichtbaren Feind geht um. Die Menschen sind verängstigt, weil sie glauben,  zu viel zu verlieren zu haben. Die politischen Druckwellen eines Bombenanschlags in einem fernen Land, von  dem man nicht viel Ahnung hat, sind durchaus in den wohleingerichteten Stuben zu spüren. Ein Axtmord in Ansbach verunsichert eine globale Welt. In unseren Reflexen, zu den täglichen Ereignissen, benehmen wir uns wie die Dorfbewohner in einer mittelalterlichen Ortschaft. Da, wo früher die Hexen wohnten, leben heute Asylbewerber.

Aber in Wirklichkeit ist die Welt heiler als vor vielen Jahren. Wir wohnten für vier Wochen in Friedenau ( Friedliche Aue) und es war so friedlich wie man es sich nur wünschen konnte. Die Luft war rein (anders als in den siebziger Jahren, als die Schwefelsäure zum Waldsterben führte) und wir ließen immer die Fenster auf; hörten ständig die Vögel zwitschern.

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Innenhof in Friedenau

Alle Stunde läuteten die Glocken einer mächtigen Kirche, die wie eine Trutzburg den Gläubigen, sowie den Ungläubigen,  Vertrauen einflößte: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“

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Nathanael Kirche am Gratzer Platz

 

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Eine friedliche Straße in Friedenau

Und nebenan ist die Bäckerei „Wolke“ wo  schon am frühen Morgen, die ersten Kunden zum Kaffeetrinken kommen. Und der Kuchen war auch sehr lecker.

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Ein älteres Ehepaar aus Australien vor der Bäckerei „Wolke“

 

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Frühstück in der „Wolke“

 

Aber auch die Vergangenheit ist immer präsent. Die Erinnerung an den 2. Weltkrieg  lässt  nicht locker. Immer wieder werden Blindgänger von den schrecklichen Bombenangriffen des Krieges gefunden.  Dann kann es passieren, dass tausende von Menschen evakuiert, ganze Straßenzüge stillgelegt und Verkehrsverbindungen unterbrochen werden.

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Anzeigetafel auf dem S-Bahnhof Friedenau mit der Warnung, dass eine Bombenentschärfung in der Nähe von Oranienburg im Gange ist .

In Berlin kann man oft die Vergangenheit und die Gegenwart zur gleichen Zeit entdecken. Z.B. am Lustgarten wo das alte, kaiserliche Schloss wieder aufgebaut wird.

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Unter den Linden wird überall gebaut. Im Hintergrund sieht man schon die Kuppel des wieder enstehenden Schlosses. Das alte Stadtbild wird dann wieder komplett sein.

 

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Ein altes Gemälde mit dem alten Schloss im Hintergrund

Nicht weit von wo wir wohnten war ein Friedhof. Er liegt am Fuße des Insulaners (künstlicher Hügel bestehend aus Trümmerschutt des 2. Weltkrieges).  Dort ist im Laufe von Jahrzehnten ein herrlicher Regenwald der gemäßigten Zone entstanden, in dem man durchaus Tiere, wie Füchse, Kaninchen oder Eichhörnchen,  finden kann. Die Sauerstoff reiche Luft ist sehr erfrischend.

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Es ist durchaus möglich den einen oder anderen Jogger auf den Wegen des Friedhofs zu finden.

Was ist mit der Zukunft? In einem anderen Blog werde ich über das Südgelände berichten in dem man einen Eindruck bekommen kann, wie die Natur wieder zurücknimmt was die Menschen einmal geschaffen haben.

 

Doktor Schiwago

Es ist mehr als fünfzig Jahre her, dass ich das Meisterwerk von Boris Pasternak gelesen habe. Damals, in meinen jungen Jahren, las ich das Buch mit einer wahren Begeisterung. Endlich konnten wir lesen, wie es vordem, während der Russischen Revolution, gewesen war. Westliche Berichterstattung und beiderseitige Propaganda waren der Wahrheitsfindung nicht gerade erträglich.

Das Buch selber war ja auf einer abenteuerlichen Art und Weise zu uns, über Italien, nach Deutschland gelangt. Das die CIA ihre Hand im Spiele hatte, kam erst Jahrzehnte später an die Öffentlichkeit. Sie wussten, dass das Buch ein Meisterwerk war und man wollte, dass Boris Leonidowitsch Pasternak den Nobel Preis erhält um die Sowjet Union in Verlegenheit zu bringen. Damals, wie heute, war Russland das Land hinter der Grenze (The Frontier) das man erobern musste, um ein neues Eldorado aufzubauen. Dieser Traum hat das Potenzial ein Albtraum für den Rest der Welt zu sein.

Nun hat das Buch, mit Lederrücken, für Jahrzehnte in meinem Bücherschrank gestanden. Ich brauchte nur einen Blick auf das Buch zu werfen und wußte sofort was darin stand. „Wenn ich einmal Zeit habe, werde ich es noch einmal lesen“, sagte ich immer. Jurij Andréitsch Schiwago und Larissa Fjodorowna Guichard waren bei mir gut aufgehoben.

Bis vor kurzem. Meine Tochter zog mit ihrem Partner bei uns ein und wie ein Ikonoklast stürmte sie durch die Zimmer um Platz zu schaffen. Bücherschränke mussten raus und mit ihnen Bücher. Es galt eine Auswahl zu treffen. Ihr Partner, ein moderner, rationaler Philosoph versicherte mir, man brauche heutzutage keine Bücher. Man kann alle Bücher als E-Buch auf einem kleine elektronischen Lesegerät haben. Das ist auch so eine Revolution und zwar ganz friedlich.

Hunderte von Büchern verschwanden aus unserem Leben. Einige wurden zur Wiederverwendung verschenkt, andere werden wohl irgendwo als Toilettenrolle wieder geboren. Aber meinen „Doktor Schiwago“ konnte ich vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. „Ich muss es erst noch einmal lesen“, rief ich aus und legte es auf meinem Nachttisch.

Auf Russisch kann ich den „Доктор Живаго“ leider nicht lesen, aber auf Deutsch und Englisch schon. Mein Buch war natürlich eine deutsche Übersetzung und eine englische Übersetzung holte ich mir aus unserer gut eingerichteten öffentlichen Bücherei.

Manchmal verglich ich das Gelesene und stellte bald Unterschiede fest. Das schien seltsam, aber veränderte doch nicht den Sinn für den Leser, der ja nicht das Original kennt.

Die Bücherei lieh mir auch den David Lean Film und eine englische Miniserie (2002). Ich habe mir beide angeschaut und während beide Filme von dem Buch abweichen, so hat doch der David Lean Film, von 1965, eine viel größere emotionale Wirkung.

Inzwischen habe ich entdeckt, dass es noch eine russische Fernsehserie in acht Teilen gibt , die auf YouTube abrufbar ist; aber leider nur in Russisch, ohne Untertitel.

Das Buch selber hat wieder die gleiche Wirkung auf mich wie damals. Pasternak ist ein wunderbarer Erzähler. Charaktere und Landschaften kann er so beschreiben, dass sie als klare Bilder in unserer Vorstellung erscheinen.

Die Geschichte mit der Waldwehr (Partisanen) in der Taiga lässt an Brutalität nichts zu wünschen übrig. Schiwago ist eigentlich ein Ehebrecher aber der Leser mag ihn so sehr, dass er ihm verzeihen kann und sogar versteht, dass ein Mann zwei Frauen gleichzeitig lieben kann. Unser aller Leben sind Dramen und geschichtliche Ereignisse erhöhen dieses Drama um ein Vielfaltiges.

In den Nachwehen der Revolution sank das Land in eine grausame Barbarei. Erst der Überfall der deutschen Armeen in 1941 hat die Sowjet Union wieder aufgefangen, als die Russen erkannten, dass der Feind von Außen den totalen Untergang für sie geplant hatte.

Pasternak beschreibt die Gräueltaten der „Weißen“ und „Roten“ und wir wissen heute, dass damals auch Truppen aus Amerika, England, Japan und Australien (!) eingegriffen haben. Diese Interventen waren besonders verhasst.

Warum?

Russland ist ein großes Land mit Bodenschätzen die zu verlockend sind um in der Erde gelassen zu werden. Diese Erde, Mütterchen Russland, ist den Russen heilig aber wir im Westen sehen nur Bodenschätze zum Ausbeuten und Plündern.

Doktor Schiwago hoffte, dass die Revolution ein besseres Leben für die geplagten Menschen des Zarenreiches bringen könnte. Er und sie alle wurden bitter enttäuscht. Die neue Freiheit brachte nur den Kampf jeder gegen jeden und am Ende eine neue Unterdrückung. Nur der Kampf gegen den gemeinsamen Feind machte aus ihnen wieder Russen und nicht zerstrittene Brüder.

Pasternak beendet den Roman mit der stillen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er glaubt sie zu spüren auf den Straßen „der heiligen Stadt“ Moskau.

Was würde Pasternak zu der heutigen Situation in Russland sagen? Würde er die nächste Revolution ahnen? Das Russische Volk ist sich ziemlich einig, und sicher, dass der Feind nur von außen kommt. Wenn nur das jetzige Regime dem Volk ein Minimum an Gerechtigkeit geben kann, dann wird das Gespenst der Selbstzerfleischung gebannt bleiben.