Naturpark Südgelände

Wenn man in Berlin ist, dann begegnet man überall der Vergangenheit und selbstverständlich auch der sich ständig veränderbaren Gegenwart.

Was vielen Besuchern der Stadt nicht so bekannt ist, dass es auch ein Beispiel für die Zukunft gibt. Nicht die nahe Zukunft oder die hochtrabenden Pläne mancher Spekulanten und ihrer Freunde in der Politik.

Nein, es ist eine ferne Zukunft, wenn der Mensch nicht mehr ist und seine Bauten von der Natur wieder zurück erobert werden. Dort, im Naturpark Südgelände, kann man einen Vorgeschmack bekommen, wie das einmal aussehen wird. Dort, eingerahmt von zwei Eisenbahnkorridoren, liegt der Naturpark südlich von dem neu errichteten Bahnhof Südkreuz. Der Park selber ist in einem alten, ungebrauchten Eisenbahngelände von selbst entstanden.

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Der Eingang zum Südgelände mit dem unter Denkmalschutz stehenden alten Wasserturm

Sowie man den Naturpark betritt, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt.

 

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Reste der alten Eisenbahnanlagen vermischen sich mit der Natur.

 

 

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Wo einmal Züge rollten, oder zusammengestellt wurden, enden die Gleise im Nichts.

 

 

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Graffitikünstler hinterlassen auch hier ihre Spuren

 

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Ein Stapel von Eisenbahnschwellen wird von einem Baum durchwachsen

Oft sieht es aus, als hätten die Eisenbahner das Gelände plötzlich verlassen. Wer weiß, wie lange der Stapel von Schwellen schon dort liegt.

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Eine alte Henschel Lokomotive aus dem Jahre 1940

 

Diese Lokomotive ist ein Prachtexemplar, der deutschen Lokomotiven Herstellung, Nun ist sie nur noch ein Denkmal.

 

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Bäume wachsen mitten zwischen den Gleisen.

Überall im Südgelände kann man beobachten, wie die Natur zurückgewinnt was sie einst an den Menschen abgeben musste. Ziegen leben jetzt wild dort und finden zwischen den Gleisen ihre Nahrung.

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Hiere wartet eine Drehscheibe vergeblich auf eine Lokomotive.

 

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Ein Birkenwäldchen entsteht hier.

 

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Eine Elster sucht nach einem Leckerbissen

Plötzlich wird die Ruhe unterbrochen und wir werden daran erinnert, dass die Zivilisation noch nicht zugrunde gegangen ist. Durch das Gehölz können wir einen ICE erspähen.

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In der Distanze erspähen wir den alten Schöneberger Gasometer.

 

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Die Stadt ist nicht weit. Das Südgelände ist nur eine Nische die uns zum Denken angeregt. Ein Künstler hat auch eine Spur hinterlassen; im Grass finden wir einen ein Meter Streifen Autobahn.

 

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Nichts ist für die Dauer und eines Tages wird man, wenn es dann überhapt noch Menschen gibt, über Berlin so sprechen, wie wir heute über Ninive sprechen. Eine Wanderung in dem Park ist durchaus zu empfehlen. Am nördlichen Ende ist es nicht weit bis zum S-Bahnhof Südkreuz, wo man sich eine Erfrischung erlauben darf. dscn1264

 

Brandenburg, die alte Heimat

 

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Hier beginnt das Wunderland Brandenburg

 

 

Heute Abend haben wir im RBB einen Bericht über ein kleines Dorf in Brandenburg, am Oderbruch, gesehen. (Wunderbares Brandenburg – Sommertage an der Oder.)

Ich muss gleich sagen, dass der RBB für uns eine große Rolle spielt. Er bringt uns die alte Heimat, Brandenburg  oder „die Mark“, näher. Wir gehören einer Generation an, welche durch Hitlers Krieg unser Heimatland verloren haben. Erst waren wir noch zu jung um Brandenburg wahrzunehmen, und nach dem schrecklichen Ende war uns die Mark verwehrt.

Weil uns die Stadt Berlin zu eng wurde, verließen wir sie. Im Geschichtsunterricht hatten wir auch nichts über Brandenburg erfahren. Das wäre zu preußisch gewesen und Preußen stand nicht auf dem Lehrplan. Der alliierte Kontrollrat hatte Preußen abgeschafft; einfach so.

Man hatte uns die Wurzeln genommen, und da  war es kein Wunder, dass wir das Weite suchten. Erst viel später, und da schon im Ausland, erfuhren wir mehr über die alte Heimat. Fontane mit seinen Erzählungen von seinen „Wanderungen durch die  Mark Brandenburg“ führte uns wieder zurück zu einem Land das wir nur dem Namen nach kannten.

 

 

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Screenshot von dem Dokumentar Film „Wunderbares Brandenburg“

 

 

Selbst wenn wir in Berlin geblieben wären, hätten wir nach 1961 nicht mehr mit der S-Bahn in die nährere Umgebung fahren können. Die Endstationen waren für West-Berliner unerreichbar geworden. Sie lagen in einem anderen Land.

Als wir dann später, während der Mauerjahre, über den Luftkorridor nach Berlin flogen, sahen wir Brandenburg nur aus der Perspektive des Roten Adlers. Es war zu wenig um überhaupt nur eine Idee zu bekommen.

Erst die neue Zeit mit dem Internet und dem Glassfaserkabel brachte uns wieder näher an die alte Heimat. Und wir sind dem RBB durchaus dankbar, dass er uns hilft, Brandenburg zu entdecken. Was ich dort sehe, bewegt mich sehr. Es ist meine Geschichte, der ich mich nicht entziehen kann, auch wenn ich 16, 000 km entfernt lebe.

 

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Schloß Rheinsberg in Brandenburg

 

 

 

 

 

Berlin, 23. August 1943

Es war das Zuschlagen der Wohnungstür das den Jungen weckte.

Bum! Und dann war es still. Im Schlafzimmer was es hell, aber in der Wohnung mucksmäuschenstill.

Ende August werden die Nächte schon wieder etwas kühler. So war es nicht verwunderlich, dass er, ein  Achtjähriger,  sich nach dem Erwachen noch einmal in die Decke wickelte. Es waren immer noch Schulferien und es gab keinen triftigen Grund aus dem Bett zu springen.

Zusätzlich freute er sich, dass er in den letzten Tagen hatte durchschlafen können ohne durch die Sirene geweckt zu werden, welche  immer einen Fliegeralarm ankündigte und die Menschen in Berlin um ihren Nachtschlaf brachte.

Doch dann fiel ihm ein, was seine Mutter gesagt hatte. Seine beiden Schwestern  sollten wegen der zunehmenden Fliegerangriffe verschickt werden. Ja, er hatte es in der Wochenschau im Kino gesehen, wie schwer Hamburg zerstört worden war. Daraufhin war die Evakuierung Berlins angeordnet worden.

„Und warum werde ich nicht verschickt?“ wollte er von seiner Mama wissen. „Für dich muss erst noch ein Platz gefunden werden.“

Und dann fiel ihm mit Schrecken ein, dass die Schwestern an diesem Morgen verschickt werden sollten; einfach so wie ein Paket. Das war also was er gehört hatte, die Wohnungstür war zugefallen. Bums! Sie waren fort und  hatten nicht einmal „Auf-wiedersehen“ zu ihm gesagt.

Gerade die Trennung von seiner jüngeren Schwester würde ihm schwer fallen. Die Schwestern waren schon einmal im Sudetenland gewesen und das war für ihn recht langweilig geworden. Wer weiss, wann sie diesmal zurückehren würden?

Das Zuschlagen der Wohnungstür war der Anstoß, den er brauchte, um aus seinem warmen Bett zu springen. Ohne zu überlegen lief er barfuß auf den Hausflur hinaus und über den Hof zum Vorderhaus. Nirgends sah er eine Menschenseele. Die Panik, seine geliebte Schwester nie mehr zu sehen, trieb ihn an.

Dann stand er  vor der Haustür auf der Straße. Wo konnten sie sein? Dann sah er sie. Sie waren schon, wie  es ihm erschien, weit fort. Er stand nur in einem Nachthemd bekleidet auf der Straße. Schaute und schaute, in ihm war etwas zerbrochen. Mit jeder Sekunde, die er zögerte, entfernten sich seine Mutter und die Schwestern weiter. Andere Menschen versperrten ihm den Blick. Eine  überwältigende Enttäuschung übermannte ihn.  Der Krieg war ganz und gar nicht schön. Der Papa war nach Italien geschickt worden denn, dort war der Feind gelandet. Auch das hatte er in der Wochenschau gesehen.

Später, in der Nacht gab es dann einen schweren Luftangriff. Für fast drei Stunden griffen die Britten Berlin an, und der Bezirk Kreuzberg, war ein besonderes Ziel. Als sie dann im Kellergang saßen, wackelten  die Wände ganz fürchterlich.  Die Bomben heulten bis sie irgend wo in der Nähe einschlugen. Das ganze Gebäude bebte.

Noch während die Bomben fielen, erschien dem Jungen der Gedanke, dass er doch recht froh war, das seine Schwestern das nicht erleben mussten. Sie waren in Sicherheit.

 

Anmerkung: Nach Angaben in dem Buch „Bomben auf Berlin“ griffen etwa 625 Flugzeuge der RAF für knapp drei Stunden außer den Innenbezirken auch Spandau und Tegel an. Außer Bomben warfen sie auch Flugblätter und gefälschte Lebensmittelkarten ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin 2016

Ich brach auf, um die Vergangenheit zu besuchen, kam aber in der Zukunft an.

Wie ein Zeitreisender fand ich nach meiner Rückkehr, dass mein Planet sich verändert hatte.

Die, welche lebten als ich die Heimat verließ, haben längst ihre irdischen Hüllen verlassen.

Meine alte Familie kannte niemand mehr. Man hatte mich und meine Lieben vergessen. Wir schienen nie  gelebt zu haben.Geschäfte, welche damals den Menschen  etwas anboten, waren nun nicht mehr vorhanden. Andere Geschäfte boten Dinge an, die damals noch nicht existierten.

Die neue Ansicht meiner alten Wohngegend war mir fremd. Gebäude waren aus dem Boden geschossen wo früher  Bäume standen. Neue Bäume gaben Schatten wo damals Straßenbahnen fuhren.

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Wo die Tankstelle ist, stand früher ein Wohnhaus. Wo die Berufsschule ist, waren früher Schrebergärten.

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Die selbe Straßenseite in 1942

 

 

 

Die Angst vor einem unsichtbaren Feind geht um. Die Menschen sind verängstigt, weil sie glauben,  zu viel zu verlieren zu haben. Die politischen Druckwellen eines Bombenanschlags in einem fernen Land, von  dem man nicht viel Ahnung hat, sind durchaus in den wohleingerichteten Stuben zu spüren. Ein Axtmord in Ansbach verunsichert eine globale Welt. In unseren Reflexen, zu den täglichen Ereignissen, benehmen wir uns wie die Dorfbewohner in einer mittelalterlichen Ortschaft. Da, wo früher die Hexen wohnten, leben heute Asylbewerber.

Aber in Wirklichkeit ist die Welt heiler als vor vielen Jahren. Wir wohnten für vier Wochen in Friedenau ( Friedliche Aue) und es war so friedlich wie man es sich nur wünschen konnte. Die Luft war rein (anders als in den siebziger Jahren, als die Schwefelsäure zum Waldsterben führte) und wir ließen immer die Fenster auf; hörten ständig die Vögel zwitschern.

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Innenhof in Friedenau

Alle Stunde läuteten die Glocken einer mächtigen Kirche, die wie eine Trutzburg den Gläubigen, sowie den Ungläubigen,  Vertrauen einflößte: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“

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Nathanael Kirche am Gratzer Platz

 

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Eine friedliche Straße in Friedenau

Und nebenan ist die Bäckerei „Wolke“ wo  schon am frühen Morgen, die ersten Kunden zum Kaffeetrinken kommen. Und der Kuchen war auch sehr lecker.

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Ein älteres Ehepaar aus Australien vor der Bäckerei „Wolke“

 

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Frühstück in der „Wolke“

 

Aber auch die Vergangenheit ist immer präsent. Die Erinnerung an den 2. Weltkrieg  lässt  nicht locker. Immer wieder werden Blindgänger von den schrecklichen Bombenangriffen des Krieges gefunden.  Dann kann es passieren, dass tausende von Menschen evakuiert, ganze Straßenzüge stillgelegt und Verkehrsverbindungen unterbrochen werden.

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Anzeigetafel auf dem S-Bahnhof Friedenau mit der Warnung, dass eine Bombenentschärfung in der Nähe von Oranienburg im Gange ist .

In Berlin kann man oft die Vergangenheit und die Gegenwart zur gleichen Zeit entdecken. Z.B. am Lustgarten wo das alte, kaiserliche Schloss wieder aufgebaut wird.

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Unter den Linden wird überall gebaut. Im Hintergrund sieht man schon die Kuppel des wieder enstehenden Schlosses. Das alte Stadtbild wird dann wieder komplett sein.

 

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Ein altes Gemälde mit dem alten Schloss im Hintergrund

Nicht weit von wo wir wohnten war ein Friedhof. Er liegt am Fuße des Insulaners (künstlicher Hügel bestehend aus Trümmerschutt des 2. Weltkrieges).  Dort ist im Laufe von Jahrzehnten ein herrlicher Regenwald der gemäßigten Zone entstanden, in dem man durchaus Tiere, wie Füchse, Kaninchen oder Eichhörnchen,  finden kann. Die Sauerstoff reiche Luft ist sehr erfrischend.

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Es ist durchaus möglich den einen oder anderen Jogger auf den Wegen des Friedhofs zu finden.

Was ist mit der Zukunft? In einem anderen Blog werde ich über das Südgelände berichten in dem man einen Eindruck bekommen kann, wie die Natur wieder zurücknimmt was die Menschen einmal geschaffen haben.

 

Doktor Schiwago

Es ist mehr als fünfzig Jahre her, dass ich das Meisterwerk von Boris Pasternak gelesen habe. Damals, in meinen jungen Jahren, las ich das Buch mit einer wahren Begeisterung. Endlich konnten wir lesen, wie es vordem, während der Russischen Revolution, gewesen war. Westliche Berichterstattung und beiderseitige Propaganda waren der Wahrheitsfindung nicht gerade erträglich.

Das Buch selber war ja auf einer abenteuerlichen Art und Weise zu uns, über Italien, nach Deutschland gelangt. Das die CIA ihre Hand im Spiele hatte, kam erst Jahrzehnte später an die Öffentlichkeit. Sie wussten, dass das Buch ein Meisterwerk war und man wollte, dass Boris Leonidowitsch Pasternak den Nobel Preis erhält um die Sowjet Union in Verlegenheit zu bringen. Damals, wie heute, war Russland das Land hinter der Grenze (The Frontier) das man erobern musste, um ein neues Eldorado aufzubauen. Dieser Traum hat das Potenzial ein Albtraum für den Rest der Welt zu sein.

Nun hat das Buch, mit Lederrücken, für Jahrzehnte in meinem Bücherschrank gestanden. Ich brauchte nur einen Blick auf das Buch zu werfen und wußte sofort was darin stand. „Wenn ich einmal Zeit habe, werde ich es noch einmal lesen“, sagte ich immer. Jurij Andréitsch Schiwago und Larissa Fjodorowna Guichard waren bei mir gut aufgehoben.

Bis vor kurzem. Meine Tochter zog mit ihrem Partner bei uns ein und wie ein Ikonoklast stürmte sie durch die Zimmer um Platz zu schaffen. Bücherschränke mussten raus und mit ihnen Bücher. Es galt eine Auswahl zu treffen. Ihr Partner, ein moderner, rationaler Philosoph versicherte mir, man brauche heutzutage keine Bücher. Man kann alle Bücher als E-Buch auf einem kleine elektronischen Lesegerät haben. Das ist auch so eine Revolution und zwar ganz friedlich.

Hunderte von Büchern verschwanden aus unserem Leben. Einige wurden zur Wiederverwendung verschenkt, andere werden wohl irgendwo als Toilettenrolle wieder geboren. Aber meinen „Doktor Schiwago“ konnte ich vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. „Ich muss es erst noch einmal lesen“, rief ich aus und legte es auf meinem Nachttisch.

Auf Russisch kann ich den „Доктор Живаго“ leider nicht lesen, aber auf Deutsch und Englisch schon. Mein Buch war natürlich eine deutsche Übersetzung und eine englische Übersetzung holte ich mir aus unserer gut eingerichteten öffentlichen Bücherei.

Manchmal verglich ich das Gelesene und stellte bald Unterschiede fest. Das schien seltsam, aber veränderte doch nicht den Sinn für den Leser, der ja nicht das Original kennt.

Die Bücherei lieh mir auch den David Lean Film und eine englische Miniserie (2002). Ich habe mir beide angeschaut und während beide Filme von dem Buch abweichen, so hat doch der David Lean Film, von 1965, eine viel größere emotionale Wirkung.

Inzwischen habe ich entdeckt, dass es noch eine russische Fernsehserie in acht Teilen gibt , die auf YouTube abrufbar ist; aber leider nur in Russisch, ohne Untertitel.

Das Buch selber hat wieder die gleiche Wirkung auf mich wie damals. Pasternak ist ein wunderbarer Erzähler. Charaktere und Landschaften kann er so beschreiben, dass sie als klare Bilder in unserer Vorstellung erscheinen.

Die Geschichte mit der Waldwehr (Partisanen) in der Taiga lässt an Brutalität nichts zu wünschen übrig. Schiwago ist eigentlich ein Ehebrecher aber der Leser mag ihn so sehr, dass er ihm verzeihen kann und sogar versteht, dass ein Mann zwei Frauen gleichzeitig lieben kann. Unser aller Leben sind Dramen und geschichtliche Ereignisse erhöhen dieses Drama um ein Vielfaltiges.

In den Nachwehen der Revolution sank das Land in eine grausame Barbarei. Erst der Überfall der deutschen Armeen in 1941 hat die Sowjet Union wieder aufgefangen, als die Russen erkannten, dass der Feind von Außen den totalen Untergang für sie geplant hatte.

Pasternak beschreibt die Gräueltaten der „Weißen“ und „Roten“ und wir wissen heute, dass damals auch Truppen aus Amerika, England, Japan und Australien (!) eingegriffen haben. Diese Interventen waren besonders verhasst.

Warum?

Russland ist ein großes Land mit Bodenschätzen die zu verlockend sind um in der Erde gelassen zu werden. Diese Erde, Mütterchen Russland, ist den Russen heilig aber wir im Westen sehen nur Bodenschätze zum Ausbeuten und Plündern.

Doktor Schiwago hoffte, dass die Revolution ein besseres Leben für die geplagten Menschen des Zarenreiches bringen könnte. Er und sie alle wurden bitter enttäuscht. Die neue Freiheit brachte nur den Kampf jeder gegen jeden und am Ende eine neue Unterdrückung. Nur der Kampf gegen den gemeinsamen Feind machte aus ihnen wieder Russen und nicht zerstrittene Brüder.

Pasternak beendet den Roman mit der stillen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er glaubt sie zu spüren auf den Straßen „der heiligen Stadt“ Moskau.

Was würde Pasternak zu der heutigen Situation in Russland sagen? Würde er die nächste Revolution ahnen? Das Russische Volk ist sich ziemlich einig, und sicher, dass der Feind nur von außen kommt. Wenn nur das jetzige Regime dem Volk ein Minimum an Gerechtigkeit geben kann, dann wird das Gespenst der Selbstzerfleischung gebannt bleiben.

Erinnerung an die Petrikirche

 

In der letzten Woche erreichte mich ein Blog-post ( in Englisch) über die nicht mehr vorhandene Petristraße und die alte, schon fast vergessene, Petrikirche  zu Berlin-Cölln.

Nicht viele Menschen erinnern sich an den gewaltigen Bau mit dem schlanken, spitzen Turm auf dem Berliner Petriplatz.

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Bundesarchiv Bild 183-10508-0001, Berlin, Ruine der Petrikirche 1951

In den fünfziger Jahren fuhr ich einmal in der Woche mit dem Fahrrad von Kreuzberg zum Gesundbrunnen zur Berufsschule und zurück. Der Weg führte über die Gertraudenstraße und den Mühlendamm. Damals war die ausgebombte Innenstadt wie ausgestorben. Die Straßenbahn fuhr auch nicht mehr und sollte einmal ein  Auto zu sehen sein, so hatte es sicherlich verirrt. Von Menschen ganz zu schweigen. Sie waren nach dem Bombenkrieg und der Schlacht um Berlin nicht mehr in die Altstadt zurückgekehrt.

An einem Nachmittag, als ich nach der Berufsschule auf dem Nachhauseweg war, wollte ich, von der Mühlendammbrücke kommend, über den Petrieplatz fahren. Da wurde ich plötzlich gewahr, dass ein älterer Herr, von rechts kommend, schräg über den Platz zur Petristraße wollte.

In meinem jugendlichen Eifer dachte ich, ich umfahre ihn. Aber mein Fahrrad fuhr in eine alte Straßenbahnschiene, und ich konnte nicht entkommen. Ich klingelte wie verrückt. Auf den Gedanken anzuhalten kam ich nicht. Vielleicht wurde ich auch schon von der Panik erfaßt. Will der alte Mann denn nicht anhalten? Das ging auf einmal alles sehr schnell und ich erfaßte den alten Herrn, mit meiner rechten Schulter, am Kopf über der Augenhöhle.

Der Herr fiel sofort auf das Straßenpflaster und mein Fahrrad hielt an. Ich sprang ab und half den Herrn auf die Beine. Da sah ich mit Schrecken, dass sich über seinem linken Augenlid ein Bluterguss bildete. Dieser Bluterguss, erst klein, wuchs zusehends größer und größer. Bald hatte er das Aussehen und die Größe einer großen Pflaume. Ich war zutiefst betroffen. Das Auge war nicht mehr zu sehen und der alte Herr wusste nicht, was geschehen war. Er hatte offensichtlich mein Klingeln nicht gehört. Was tun?

Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Ich führte den Herrn fort von der Straße zur Kirche. Ich sagte ihm, er solle dort warten und ich werde Hilfe suchen. Aber wo?

Ich lief zur Brüderstraße und hatte Glück. Ein Streifenwagen der Ost-Berliner Volkspolizei stand dort wie gerufen. Ich erklärte den beiden Beamten was geschehen war und schickte sie zum Petriplatz. Die beiden Polizisten kümmerten sich um den alten Herrn und luden ihn in ihren Wagen, um ihn zu einem Krankenhaus zu fahren. Sie stellten keinerlei Fragen zu meiner Person; ahnten wohl, dass ich ein West-Berliner war.

Ich war froh, dass sie mich nicht verhafteten. Aber Schuldgefühle plagten mich noch lange und ich vermied für eine lange Zeit, den gleichen Weg zu fahren. Man konnte nie wissen, vielleicht lag sogar ein Haftbefehl für mich vor.

Niemand von West-Berlin wollte  mit den Behörden im Ostsektor etwas zu tun haben. Ost und West waren damals eine Realität, aber meine Erinnerung von damals ist auch eine Realität und wird immer wieder geweckt. Die Petriekirche wurde 1961 abgerissen und das ganze Viertel umgestaltet.

Europa, wohin gehst Du?

Ich lebe zwar fernab von Europa, aber es ist meine kulturelle Heimat und wird es immer bleiben. In den letzten Tagen wurde in meinem Heim viel über die Krise in Griechenland diskutiert. Die Nachrichten waren voll von diesem Thema. Es war fast so, als würde das Ende der Welt vor uns stehen. Ein neues Wort wurde geboren und es schien, als ob es dem Weltuntergang gleich kam: Gretix.

Deutschland ist ein mächtiges Land, in Europa. Jahrzehntelang wurde es immer gesagt und nun hat sich die „Eiserne Kanzlerin“ Merkel entschlossen mit dierser Karte zu trumpfen. Was hier getan wurde, und der Welt  als Lösung angeboten wird, ist weiter nichts als ein Krieg mit anderen Mitteln.

Merkel, Schäuble und Co haben sich wie Machtmenschen benommen und nicht wie unsere Beauftragten die Konflikte lösen sollen.  Diese Machtmenschen aber sind nicht voll zurechnungsfähig.Sie haben die europäische Perspektive vollkommen aus ihren Augen verloren. Sie glauben, sie haben Europa gerettet, aber das stimmt nicht. Sie haben es zu einem Umschlagplatz für Finanztransaktionen degradiert.

Ihre Politik, die angeblich auf Rationalität beruht, ist irrational! Hier werden nur Zahlenspiele betrieben und die emotionellen Ansprüche der Menschen nicht berücksichtigt. Europa sollte kein Buchhalterklub sein, sondern eine gelebte Idee.

Europa sollte eine Familie sein, in der einem gestrauchelten Mitglied geholfen wird und nicht die Zähne eingeschlagen werden. Die Banken sind wie Drogenhändler und die Politiker die Schläger, die das Geld eintreiben. Die Mehrheit der Europäer haben die Idee von einem Europa verstanden, aber der Finanzsektor sieht darin nur einen Markt wo man abkassieren kann. Die öffentlichen Güter Griechenlands sollen an die Privaten verscherbelt werden.  Es erscheint mir, dass dies der Sinn der Übung war. Man gibt jemanden so viel Kredit, bis er nicht mehr bezahlen kann, und dann wird gepfändet. In diesem griechischem Fall bekommt man das ganze Land für „ein Butterbrot und ein Ei“.

Die Renten und die Löhne werden gesenkt, aber die Läden <strong>müssen</strong> länger offen bleiben. Was ist das bloß für ein Witz?

Diese sogenannte Lösung, von den Deutschen angeregt und erzwungen, ist ein totales kulturelles Versagen. Können sich Deutsche Touristen nach dieser „Lösung“ überhaupt noch in Griechenland sehen lassen?  Wenn Deutschland mit der Macht spielt dann bekommt das der Welt ganz und gar nicht.

Wo ist er geblieben der „Götterfunke“ der so schön in der Europa Hymne besungen wird? Friedrich Schiller muss sich in seinem Grab umdrehen, wenn er spürt, dass die Antike, die er uns als Vorbild für eine bessere Welt empfohlen hat, so von Erbsenzählern mit den Füssen  getreten wird.

Die Griechen werden vielleicht bald wieder glücklich sein, wenn es keine Ladenschlusszeiten mehr gibt. Ich gieße mir einen Ouzo ein und horche Vicky Leandros zu wie sie sich nach einer besseren Welt sehnt.


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